Eine Hand hält ein Bund frisch gezogene Rote Bete mit Blättern und Wurzeln über dem Beet
Journal · Aus dem Garten · August

Die Diamanten liegen
zwischen den Blumen

Unser Garten sieht aus wie Unkraut mit Ambitionen. Wer genauer hinsieht, findet zwischen Amaranth und Cosmea das Abendessen. Ein Rundgang durch den August, mit einem Rezept am Ende.

Christoph Neumann Journal · Aus dem Garten Villa Oiva · Brandenburg August 2026 7 Min. Lesezeit Read in English

Wer uns im August besucht, stellt früher oder später dieselbe Frage. Nie laut, eher vorsichtig, mit einem Blick Richtung Beet: Wollt ihr das noch aufräumen?

Nein. Was von außen aussieht wie ein Beet, das jemand vergessen hat, ist genau so gemeint. Zwischen Cosmea, Amaranth und Malve stehen Tomaten. Unter dem Blattdach der Kürbisse bleibt die Erde feucht, auch nach zwei Wochen ohne Regen. Der Fenchel blüht, obwohl er längst geschnitten sein müsste, weil die Schwebfliegen ihn brauchen. Und die Schwebfliegen brauchen wir gegen die Blattläuse.

Ernten ist bei uns keine Arbeit, die abgehakt wird, sondern eine Suche. Wir gehen mit einem leeren Korb los und wissen nicht, was am Ende darin liegt. Blätter zur Seite schieben, bücken, nachsehen, und darunter liegt eine Zucchini, die gestern noch nicht da war. Unser Sohn ist vier und läuft morgens in den Garten, bevor er frühstückt. Er hat schneller verstanden, worum es hier geht, als die meisten Erwachsenen.

Kurz gesagt

  • Unser Garten in Brandenburg ist ein Permakultur-Garten in Mischkultur. Gemüse, Kräuter und Blumen stehen zusammen im selben Beet, nicht in getrennten Reihen.
  • Das sieht ungeordnet aus und ist es nicht. Die Blumen ziehen Nützlinge an, die Blätter beschatten den Boden, und dazwischen steht das Essen.
  • Im August kommen aus diesem Beet Rote Bete, Zucchini, Kürbis, blaue Stangenbohnen, Tomaten in fünf Farben, Gurken, Chili und ein Kräuterbeet, das nie leer wird.
  • Am Ende dieses Beitrags steht ein Rezept, das genau daraus gekocht wird: Zucchinipuffer mit Kräuterquark und lauwarmem Bohnen-Tomaten-Salat. Für vier Personen, 45 Minuten, ohne Sonderzutaten.
01 / Der erste Eindruck

Sieht aus wie Unkraut.
Ist eine Speisekammer.

Ein aufgeräumter Gemüsegarten hat gerade Reihen, dunkle Erde dazwischen und keine Blume, die nicht eingeplant war. Das sieht gut aus. Es ist auch trockener, anfälliger und deutlich stiller, weil kaum ein Insekt einen Grund hat, dort vorbeizukommen.

Bei uns wächst alles durcheinander, und genau das ist die Entscheidung. Die Tomaten hängen an einem alten Lattenzaun, weil der Zaun schon stand und die Wärme des Tages bis in die Nacht hält. Daneben steht, was dazu passt. Wir haben irgendwann aufgehört, in Beeten zu denken, und angefangen, in Nachbarschaften zu denken.

Grüne Ochsenherztomaten reifen an einem verwitterten Holzlattenzaun in der Sonne
Ochsenherztomaten am alten Lattenzaun. Noch grün. Anfang September nicht mehr.
Das Haus der Villa Oiva hinter einer wild bewachsenen Blumenrabatte unter blauem Himmel
Vom Haus aus gesehen ist die Rabatte eine grüne Wand. Von innen ist sie ein Gemüsegarten.
02 / Die Diamanten

Suchen und
finden

Zucchini sind Meister im Verstecken. Unter ihren eigenen Blättern liegen sie so gut getarnt, dass wir alle drei Tage nachsehen müssen. Wer eine Woche wartet, erntet keine Zucchini mehr, sondern eine Keule. Diese beiden lagen an der Ziegelkante, halb unter Klee. Am Vortag war dort nichts zu sehen.

Darin liegt der eigentliche Reiz. In einem sortierten Garten steht die Ernte fest, bevor man die Haustür hinter sich zuzieht. Bei uns ist jeder Gang eine kleine Suche, und am Ende steht ein Korb da, den so niemand geplant hätte. Das Menü entsteht auf dem Rückweg zur Küche.

Zwei gestreifte Zucchini liegen an einer Ziegelkante zwischen Klee im Garten
Gestern noch nicht da. Heute reif.
Dichte Blumenrabatte mit rotem Amaranth, Cosmea und Malven vor dem Haus
Amaranth, Cosmea, Malve. Sieht nach Zierbeet aus, ist Kantine für Schwebfliegen und Wildbienen.

Der Fenchel darf blühen. Für die Küche wäre es besser, ihn vorher zu schneiden, aber im August sind die gelben Dolden der meistbesuchte Ort im ganzen Garten. Schwebfliegen legen ihre Eier daneben ab, und eine einzige Larve frisst in zwei Wochen mehrere hundert Blattläuse. Seit wir den Fenchel stehen lassen, kommen wir ohne jedes Mittel gegen Läuse aus.

Blühender Fenchel mit gelben Dolden im Gegenlicht
Fenchel in Blüte. Die Samen kommen im September in die Mühle, das Grün kommt heute in den Salat.
Dichtes Blattdach aus Kürbis- und Zucchiniblättern deckt den Boden vollständig ab
Das Blattdach der Kürbisse. Darunter bleibt der Boden feucht, auch nach zwei Wochen ohne Regen.
Was im August aus diesem Beet kam
  • Rote Bete seit Juni
  • Zucchini und Kürbis täglich
  • Blaue Stangenbohnen Hauptzeit
  • Cocktailtomaten, rot und gelb täglich
  • Ochsenherztomaten ab September
  • Gurken täglich
  • Chili ab jetzt
  • Fenchel blüht, Samen im September
  • Salbei, Thymian, Rosmarin ganzjährig
  • Schnittlauch und Petersilie ganzjährig
  • Amaranth blüht
  • Sonnenblumenkerne für die Vögel
03 / Das Kräuterbrett

Was das ganze Jahr
bleibt

Gemüse hat seine zwei, drei Wochen. Kräuter sind immer da, und sie sind der Grund, warum aus einer Handvoll Zutaten trotzdem ein Gericht wird. Salbei, Thymian und Rosmarin überstehen den Winter im Beet, ohne dass wir etwas dafür tun. Schnittlauch und Petersilie schneiden wir alle paar Tage nach, danach kommen sie kräftiger zurück.

Wenn ihr eine einzige Sache aus diesem Beitrag mitnehmt, dann diese: Pflanzt Kräuter. Sie brauchen wenig, verzeihen viel und verändern ein Gericht stärker als jede teure Zutat.

Frisch geschnittene Kräuter auf einem Holzbrett: Frühlingszwiebeln, Thymian, Salbei und Rosmarin
Frühlingszwiebeln, Thymian, Salbei, Rosmarin. Ein Gang durch den Garten, drei Minuten.
Abgeblühte Sonnenblumen mit gesenkten Köpfen und reifen Samenscheiben
Die Sonnenblumen sind durch. Wir lassen sie stehen, die Kerne gehören ab jetzt den Vögeln.
04 / Der Korb

Und dann steht
das Menü fest

Ein Korb Tomaten in fünf Farben, ein Korb blaue Bohnen, eine Handvoll Kräuter, zwei Zucchini und eine Gurke, die einen Tag zu lange gewachsen ist. Daraus wird kein Rezept aus dem Buch. Daraus wird das Abendessen.

Zwei Weidenkörbe im Gras, einer mit bunten Tomaten und Kräutern, einer mit lila Stangenbohnen
Zwei Körbe, eine halbe Stunde Suchen.
Ein Haufen lila Stangenbohnen der Sorte Blauhilde auf Holz Weidenkorb mit roten und gelben Tomaten, einer Gurke und grünen Chilischoten
Links die blauen Bohnen, die beim Kochen grün werden. Rechts der Rest des Abendessens.
05 / Das Rezept

Zucchinipuffer mit Kräuterquark
und lauwarmem Bohnen-Tomaten-Salat

Ein Gericht für einen Dienstagabend im August, wenn drei Zucchini auf der Anrichte liegen und weg müssen. Puffer sind so deutsch, wie es geht, sie gelingen zuverlässig, und Kinder essen sie ohne Diskussion. Wer damit Gäste bewirtet, stellt einfach eine zweite Schüssel Kräuterquark dazu.

Für4 Personen
Vorbereitung25 Minuten
Zubereitung20 Minuten
AufwandEinfach
Zutaten
Für die Zucchinipuffer
  • 800 gZucchini
  • 1 TLSalz zum Entwässern
  • 2Frühlingszwiebeln, fein geschnitten
  • 2Eier, Größe M
  • 100 gMehl, Type 405
  • 3 ELKräuter, fein gehackt: Petersilie, Schnittlauch, ein paar Blättchen Thymian
  • Pfeffer, frisch geriebene Muskatnuss
  • Butterschmalz oder Rapsöl zum Braten
Für den Kräuterquark
  • 400 gSpeisequark, 20 Prozent
  • 4 ELMilch
  • 1 BundSchnittlauch
  • ½ BundPetersilie
  • 1kleine Knoblauchzehe
  • 1 TLZitronensaft
  • Salz, Pfeffer
Für den Salat
  • 300 gblaue Stangenbohnen, ersatzweise grüne
  • 400 gTomaten, bunt gemischt
  • 1 ELWeißweinessig
  • 3 ELOlivenöl
  • 1 TLmittelscharfer Senf
  • 1 PriseZucker
  • 2 ELFenchelgrün oder Dill
  • Salz, Pfeffer
Zubereitung
  1. Zucchini grob raspeln, mit einem Teelöffel Salz mischen und 20 Minuten in einem Sieb stehen lassen. Das ist der wichtigste Schritt des ganzen Rezepts, Zucchini bestehen fast nur aus Wasser.
  2. In der Zwischenzeit die Bohnen putzen und in kochendem Salzwasser 8 bis 10 Minuten garen, bis sie weich sind, aber noch Biss haben. Abgießen, kurz kalt abschrecken, gut abtropfen lassen.
  3. Für den Quark alle Zutaten glatt rühren, den Knoblauch fein hineinreiben, kräftig abschmecken. Kalt stellen. Er schmeckt besser, wenn er zwanzig Minuten zieht.
  4. Die Zucchini portionsweise mit den Händen so trocken wie möglich ausdrücken. Mit Frühlingszwiebeln, Eiern, Mehl und Kräutern verrühren, mit Pfeffer und Muskat abschmecken.
  5. Fett in einer Pfanne bei mittlerer Hitze erhitzen. Je einen gehäuften Esslöffel Teig hineingeben, flach drücken, 3 bis 4 Minuten je Seite goldbraun braten. Auf Küchenpapier abtropfen lassen, im Ofen bei 80 Grad warm halten.
  6. Für den Salat Essig, Senf, Zucker, Salz und Pfeffer verrühren, dann das Öl einrühren. Tomaten in Spalten schneiden und mit den noch lauwarmen Bohnen und dem Dressing mischen. Fenchelgrün darüber.
  7. Puffer mit dem Kräuterquark und dem Salat servieren, am besten sofort und im Stehen, direkt neben der Pfanne.
Zwei Dinge über blaue Bohnen. Erstens: Sie werden beim Kochen grün. Das violette Pigment ist wasserlöslich und verschwindet nach etwa einer Minute im heißen Wasser. Das ist normal und kein Fehler. Zweitens, und das ist wichtig: Bohnen dürfen niemals roh gegessen werden. Rohe grüne Bohnen enthalten Phasin und sind giftig. Immer mindestens zehn Minuten kochen, dann sind sie unbedenklich.
  • I.AusdrückenGut ausgedrückte Zucchini geben knusprige Puffer, feuchte geben weiche Fladen. Es ist mehr Wasser, als man denkt.
  • II.Mittlere HitzeBei mittlerer Hitze werden die Puffer innen gar und außen goldbraun. Lieber eine Minute länger.
  • III.VarianteEine grob geraspelte Rote Bete unter den Teig. Die Puffer werden erdiger und leuchten von innen.
  • IV.Am nächsten TagKalt, mit einem Spiegelei obendrauf. Besser, als es klingt.
06 / Warum wir so gärtnern

Ordnung, die man
schmecken kann

Mischkultur heißt, dass Pflanzen nebeneinander stehen, die sich gegenseitig helfen. Tagetes und Tomaten. Bohnen, die Stickstoff in den Boden bringen, neben Starkzehrern, die ihn verbrauchen. Kräuter zwischen Kohl, deren Geruch den Kohlweißling irritiert. Nichts davon ist eine neue Idee, es ist die Art, wie Gärten funktioniert haben, bevor jemand die gerade Reihe erfunden hat.

Der Preis ist ein Beet, das unaufgeräumt aussieht. Der Gewinn ist ein Boden, der Wasser hält, eine Ernte, die sich über Monate zieht statt über zwei Wochen, und seit Jahren kein Spritzmittel. Dazu ein Kind, das weiß, wie eine Rote Bete riecht, wenn sie gerade aus der Erde kommt.

Wenn ihr bei uns am langen Tisch sitzt, kommt das meiste auf dem Teller aus genau diesem Durcheinander. Das ist kein Konzept, das wir uns ausgedacht haben. Es ist schlicht das, was zwanzig Meter weiter wächst.

Häufige Fragen

Was Leute uns über
den Garten fragen

Warum sieht euer Garten so wild aus?

Weil er in Mischkultur angelegt ist. Gemüse, Kräuter und Blumen stehen zusammen im selben Beet statt in getrennten Reihen. Die Blumen ziehen Schwebfliegen und Wildbienen an, die Blätter beschatten den Boden und halten ihn feucht, und Wurzeln unterschiedlicher Tiefe nutzen die Erde besser aus. Was ungeordnet aussieht, ist eine bewusste Entscheidung gegen die gerade Reihe.

Was ist Mischkultur genau?

Mischkultur bedeutet, Pflanzen so zu kombinieren, dass sie sich gegenseitig nützen. Bohnen binden Stickstoff im Boden und stehen deshalb gut neben Starkzehrern wie Kürbis. Kräuter zwischen Kohl irritieren durch ihren Geruch den Kohlweißling. Blühende Doldenblütler wie Fenchel oder Dill locken Nützlinge an, die Blattläuse fressen. Der Nebeneffekt ist, dass ein Schädling nie ein ganzes Beet auf einmal findet.

Kann man blaue Bohnen roh essen?

Nein, auf keinen Fall. Rohe grüne und blaue Bohnen enthalten Phasin, ein Eiweiß, das schon in kleinen Mengen Übelkeit und Erbrechen auslöst und für Kinder gefährlich ist. Beim Kochen wird es zuverlässig zerstört. Zehn Minuten in sprudelnd kochendem Wasser reichen aus. Das Kochwasser bitte weggießen und nicht weiterverwenden.

Warum werden die blauen Bohnen beim Kochen grün?

Die violette Farbe kommt von Anthocyanen, wasserlöslichen Pflanzenfarbstoffen. Im heißen Wasser lösen sie sich innerhalb einer Minute heraus, darunter kommt das Chlorophyll zum Vorschein und die Bohne ist grün. Das ist völlig normal, geschmacklich ändert sich nichts. Die Farbe bliebe nur beim rohen Verzehr erhalten, und der ist aus dem oben genannten Grund keine Option.

Wie werden Zucchinipuffer richtig knusprig?

Der einzige echte Trick ist das Entwässern. Zucchini raspeln, salzen, zwanzig Minuten ziehen lassen und dann mit den Händen kräftig ausdrücken. Es kommt deutlich mehr Flüssigkeit heraus, als man erwartet. Danach bei mittlerer Hitze in reichlich Butterschmalz oder Rapsöl braten und die Puffer flach formen, dann werden sie außen goldbraun und innen gar.

Was wächst bei euch im August?

Rote Bete, Zucchini und Kürbis, blaue Stangenbohnen, Cocktailtomaten in Rot und Gelb, Ochsenherztomaten, die erst im September reif werden, Gurken, die ersten Chilis, Fenchel, der gerade blüht, dazu Salbei, Thymian, Rosmarin, Schnittlauch und Petersilie. Und Amaranth und Sonnenblumen, die zwar nicht auf den Teller kommen, ohne die der Rest aber nicht so gut wachsen würde.

Kann man euren Garten besuchen?

Der Garten gehört zum Haus und ist Teil jeder Feier, jedes Retreats und jeder Übernachtung bei uns. Ein eigener Gartenbesuch ist nicht buchbar, aber wer bei uns am Tisch sitzt, isst das, was nebenan gewachsen ist. Die Saison läuft von April bis Oktober.

Über den Autor
Christoph Neumann

Fotodesigner und Videograf mit über 25 Jahren Berufserfahrung in Portrait, People, Editorial, Corporate sowie Architektur- und Interiorfotografie. Er betreibt gemeinsam mit seiner Familie die Villa Oiva, eine Jugendstilvilla von 1895 in Brandenburg, deren Permakultur-Garten die Küche des Hauses versorgt. Alle Fotografien in diesem Beitrag sind im August 2026 im eigenen Garten entstanden. christoph-neumann.com

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