Es gibt Arbeit, die man sofort sieht, und Arbeit, die erst ein halbes Jahr später sichtbar wird. Diese hier gehört zur zweiten Sorte. An einem grauen Sonntag im Oktober schieben wir Schubkarren voller Alpakamist durch den Garten, und was daraus wird, liegt im Mai auf dem Teller.
Wer einen Garten hat, pflegt eigentlich etwas anderes: den Boden darunter. Pflanzen kommen und gehen mit den Jahreszeiten, der Boden bleibt. Er ist das Gedächtnis des Gartens, und nach einem Sommer voller Tomaten, Kürbisse und Bohnen hat er Hunger.
Also geben wir etwas zurück. Nicht aus dem Sack, sondern von nebenan: von den Alpakas, die ihren Mist so ordentlich an ein paar wenigen Stellen ablegen, als hätten sie gewusst, dass wir kommen. Was dann folgt, ist einer der schönsten Tage im Gartenjahr. Und einer, hinter dem erstaunlich viel Wissenschaft steckt.
Kurz gesagt
- Im Oktober bringen wir Alpakamist in die Beete der Villa Oiva in Brandenburg. Er füttert das Bodenleben über den Winter und hilft, Humus aufzubauen.
- Alpakas setzen Kot und Urin an wenigen gemeinsamen Stellen ab und fressen dort nicht. Das macht das Sammeln leicht und die Weide sauber.
- Alpakamist gilt als geruchsarm, fein gekrümelt und arm an keimfähigen Samen. Wir mischen ihn mit Stroh und Laub und decken die Beete damit für den Winter zu.
- Auf sandigen Brandenburger Böden zählt jedes Prozent Humus. Organische Substanz hilft dem Boden, Wasser zu halten, und dieser Effekt ist im Sand am größten.
- Weiter unten: interaktive Grafiken zu Regen und Böden in Brandenburg, ein Humusrechner für das eigene Beet und ein Kalender, was unter der Winterdecke passiert.
Alles beginnt
unter den Füßen
Boden ist kein Dreck. Ein guter Gartenboden besteht ungefähr zur Hälfte aus festen Teilen und zur Hälfte aus Poren: rund 45 Prozent Mineralien, etwa 5 Prozent organische Substanz, und dazwischen Raum für Wasser und Luft. Diese fünf Prozent sind die kleine Zahl, an der alles hängt. In ihnen leben die Pilzfäden, Bakterien, Springschwänze und Regenwürmer, die aus totem Material wieder Nahrung machen.
Wie viel Leben dort unten wohnt, haben Forschende von Agroscope und der Universität Zürich 2023 erstmals systematisch abgeschätzt. Ihr Ergebnis: Vermutlich lebt mehr als die Hälfte aller Arten der Erde im Boden, etwa 59 Prozent. Der Boden ist kein Untergrund. Er ist der größte Lebensraum, den wir haben.
Und er wächst langsam. Die Welternährungsorganisation FAO rechnet mit rund tausend Jahren für wenige Zentimeter fruchtbaren Oberboden, und nach ihren Angaben kommen 95 Prozent unserer Nahrung aus genau dieser dünnen Schicht. Wer einen Garten hat, verwaltet also etwas, das älter ist als jedes Haus. Und das sich mit der richtigen Pflege jedes Jahr ein wenig besser machen lässt.
Was in einer Handvoll Boden steckt
Volumenanteile eines guten, lockeren Oberbodens. Tippt auf einen Abschnitt, um zu sehen, welche Rolle er spielt.
Quellen: Cornell University, SoilNOW · Anthony, Bender & van der Heijden, PNAS 2023 · FAO über UN News 2022
Die Nachbarn mit den
langen Hälsen
Alpakas stammen aus den Hochanden, aus Lagen zwischen 3.500 und 5.000 Metern. Gezüchtet wurden sie aus dem wilden Vikunja, vor mindestens fünf bis sechstausend Jahren. Dass ausgerechnet sie heute an einem Gartenzaun in Brandenburg stehen, ist einer dieser schönen Umwege der Geschichte.
Sie haben eine Eigenart, die jedes Gärtnerherz höher schlagen lässt: Die ganze Herde setzt Kot und Urin an wenigen festen Plätzen ab, und dort grast sie nicht. Alpakas legen sich ihren Misthaufen selbst an. Für uns heißt das kein Absuchen der ganzen Weide, sondern ein paar Stellen, an denen das schwarze Gold schon bereitliegt.
Neu ist das alles nicht. In den Anden nutzen Menschen den Dung von Lamas und Alpakas seit Jahrtausenden, als Brennstoff und als Dünger. 2011 fand ein Team um den Paläoökologen Alex Chepstow-Lusty in den Sedimenten eines kleinen Sees nahe Cusco einen sprunghaften Anstieg von Milben, die von Tierdung leben, zeitgleich mit den ersten Maispollen, vor rund 2.700 Jahren. Die Forschenden deuten das so, dass Lamamist den Maisanbau in großer Höhe überhaupt erst ermöglicht hat. Ganz entschieden ist die Frage nicht. Aber es ist eine schöne Vorstellung, dass wir mit unserer Schubkarre eine sehr alte Geschichte weiterschreiben.
Warum gerade
Alpakamist
Alpakas sind keine echten Wiederkäuer, aber sie verdauen ähnlich gründlich, mit einem Magen aus drei Kammern. Was am Ende herauskommt, sind kleine, trockene Kügelchen, fein zerkleinert und kaum riechend. Sie zerfallen schnell, lassen sich gut dosieren und verteilen sich leicht zwischen den Pflanzen.
Daraus ergeben sich die Gründe, warum Gärtnerinnen und Gärtner ihn so schätzen. Er riecht wenig. Er bringt Struktur in den Boden. Und er gilt als arm an keimfähigen Unkrautsamen, ganz anders als Pferdemist, den Pferde weniger gründlich verdauen. Weil Alpakamist vergleichsweise mild ist, wird er in der Praxis oft frisch ausgebracht. Wir machen es mit Ruhe: im Herbst, auf Beete, die erst im Frühjahr wieder bepflanzt werden. So hat er ein halbes Jahr Zeit, Boden zu werden.
Ein ehrliches Wort zu den Zahlen. Im Netz kursieren für Alpakamist sehr genaue Nährstoffwerte. Unabhängige Laboranalysen sind rar, und der Gehalt hängt stark davon ab, was die Tiere fressen. Unsere Alpakas stehen auf Gras und Heu. Was wir sicher sagen können, ist das, was der Vergleich mit anderen Mistsorten zeigt.
Vier Mistsorten im Vergleich
Tippt auf eine Spalte, um sie hervorzuheben. Nährstoffwerte in Prozent der Frischmasse, wo belastbare Daten vorliegen.
| Merkmal | ||||
|---|---|---|---|---|
| Form | kleine, trockene Kügelchen | strohig, locker | feucht, oft breiig | fein, meist mit Einstreu |
| Geruch | gering | mäßig | deutlich | stark |
| Keimfähige Samen | gilt als samenarm | häufig, Samen werden nicht vollständig verdaut | möglich | wenige |
| Stickstoff | keine belastbaren Laborwerte, je nach Futter | 0,5 bis 0,9 % | 0,35 bis 2,0 % | 1,6 bis 4,3 % |
| Frisch ins Beet | mild, wird oft frisch genutzt | besser kompostieren | besser ablagern, salzreich | nein, kann Pflanzen verbrennen |
| Sammeln | leicht, feste Kotplätze | im Stall, mit Einstreu | im Stall, mit Einstreu | im Stall, mit Einstreu |
Quellen: Werte für Pferd, Rind und Huhn aus University of Arizona Extension, Manure in the Home Garden · Kotplätze und Kotform: MSD Veterinary Manual · Samen im Pferdemist: Ask Extension, Colorado State University
Arbeit, die
Freude macht
Natürlich ist das Arbeit. Drei Schubkarren, ein halber Tag, ein Rücken, der am Abend weiß, was er getan hat. Und trotzdem gehört dieser Tag zu den schönsten im Gartenjahr. Es ist die Arbeit, bei der man spürt, wie sich ein Kreis schließt: Die Alpakas fressen das Gras, ihr Mist füttert den Boden, der Boden füttert die Beete, und die Beete füttern uns.
Die kleinsten Hände sind dabei die eifrigsten. Kinder wissen sehr genau, was echte Arbeit ist: alles, bei dem man dreckig wird und am Ende etwas anders aussieht als vorher. Irgendwann sitzt man dann mittendrin in der Karre und ist vollkommen zufrieden. Der Hund überwacht das Ganze aus sicherem Abstand zum Rad.
Sand, der lernt,
Wasser zu halten
Brandenburg ist ein trockenes Land mit leichten Böden. Zwischen 2017 und 2025 fielen hier im Schnitt rund 552 Millimeter Regen im Jahr, im deutschen Mittel waren es etwa 762. Jedes einzelne dieser neun Jahre war in Brandenburg trockener als im Bundesschnitt, 2018 kamen nur 390 Millimeter zusammen.
Dazu kommt der Sand. Die Ackerzahl, mit der in Deutschland die Ertragskraft eines Bodens bewertet wird, liegt im Landesmittel bei knapp 34, auf einer Skala, auf der die besten Böden Deutschlands um 100 liegen. Gut acht von zehn bewerteten Ackerhektaren in Brandenburg liegen unter 40. Wer hier gärtnert, gärtnert auf einem Boden, der Wasser schnell durchlässt und Nährstoffe nur schwer festhält.
Brandenburg in zwei Zahlen
Jahresniederschlag als Gebietsmittel, Brandenburg und Deutschland, 2017 bis 2025. Im Schnitt fehlen Brandenburg rund 210 Millimeter, also gut ein Viertel.
Daten als Tabelle
| Jahr | Brandenburg (mm) | Deutschland (mm) | Weniger als Deutschland (mm) |
|---|---|---|---|
| 2017 | 721,4 | 858,7 | 137,3 |
| 2018 | 390,4 | 586,3 | 195,9 |
| 2019 | 505,4 | 735,0 | 229,6 |
| 2020 | 511,1 | 704,9 | 193,8 |
| 2021 | 600,1 | 801,1 | 201,0 |
| 2022 | 434,3 | 669,1 | 234,8 |
| 2023 | 724,9 | 958,0 | 233,1 |
| 2024 | 600,3 | 901,6 | 301,3 |
| 2025 | 480,2 | 642,0 | 161,8 |
Bewertete Ackerfläche in Brandenburg nach Ackerzahl, Stand 2025. Die Ackerzahl beschreibt die Ertragskraft eines Bodens, bis 100 für die besten Standorte. Hervorgehoben: alle Flächen unter 40, zusammen rund 83 Prozent.
Daten als Tabelle
| Ackerzahl | Fläche (ha) | Anteil |
|---|---|---|
| 0 bis 20 | 2.719 | 0,2 % |
| 20 bis 30 | 348.137 | 28,2 % |
| 30 bis 40 | 674.403 | 54,6 % |
| 40 bis 50 | 175.566 | 14,2 % |
| 50 bis 60 | 33.486 | 2,7 % |
| 60 bis 70 | 67 | 0,0 % |
| 70 bis 80 | 0 | 0,0 % |
| 80 bis 90 | 1 | 0,0 % |
Quelle: Agrarbericht Brandenburg, Natürliche Bedingungen, Niederschlag nach Daten von meteo.plus, Ackerzahl nach LELF, Februar 2026.
Wie extrem das werden kann, beschreibt der Jahresbericht 2025 der Finck Stiftung vom Gut & Bösel in Alt Madlitz, östlich von Berlin, wo regenerative Landwirtschaft gemeinsam mit Forschungsinstituten unter echten Bedingungen erprobt wird. 2025 fielen dort 491,6 Millimeter. Von März bis Juni kam nur ein Bruchteil des üblichen Regens, im Juli dann über 150 Millimeter in kurzer Zeit, am 21. Juli allein 52,5. Ausgetrocknete Böden können solche Mengen kaum aufnehmen. Das Wasser fließt ab und nimmt den Oberboden mit, genau den Teil, der für Fruchtbarkeit und Bodenleben am wichtigsten ist.
Der wichtigste Hebel, den Forschung und Praxis dort beschreiben, ist Humus. Er verbessert die Struktur und erhöht die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu speichern. Auf dem Gut wurden 2025 rund 2.000 Tonnen Mist fermentiert und 500 Tonnen Kompost hergestellt, um genau das im großen Maßstab zu tun. Unser Garten ist kleiner. Das Prinzip ist dasselbe.
Wie viel bringt Humus wirklich? Die ehrlichste Antwort, die wir gefunden haben, stammt aus einer Auswertung von Budiman Minasny und Alex McBratney aus dem Jahr 2018. Sie kommen zu einem nüchternen Ergebnis: Ein Prozentpunkt mehr organischer Kohlenstoff speichert im Mittel rund 1,2 Millimeter mehr pflanzenverfügbares Wasser je zehn Zentimeter Boden. Das klingt nach wenig. Aber der Effekt ist im Sand am größten, und im Sand zählt jeder Liter. Rechnet es für euer eigenes Beet aus.
Wie viel Wasser hält euer Beet mehr?
Schiebt die Regler. Der Rechner zeigt, wie viel pflanzenverfügbares Wasser ein Beet zusätzlich festhalten kann, wenn der Humusgehalt steigt. Nach jedem Regen füllt sich dieser Speicher neu.
Mittelwert nach Minasny und McBratney 2018 mit 1,16 mm je 10 cm Boden für einen Prozentpunkt organischen Kohlenstoff, Spanne 0,7 bis 2,0 mm. Humus wird mit dem üblichen Faktor 1,72 in Kohlenstoff umgerechnet. Im Sand liegt der Effekt eher am oberen Rand.
Quelle: Minasny, B. & McBratney, A. B. (2018): Limited effect of organic matter on soil available water capacity. European Journal of Soil Science 69, 39 bis 47.
Eine Decke aus Mist,
Stroh und Laub
Dann geht es in den Garten. Durch das gelbe Laub auf dem Weg, an den Himbeeren vorbei, zwischen Cosmea und Sonnenblumen hindurch, die noch blühen, als wüssten sie nichts vom Winter.
Wir verteilen den Mist dünn, eine Lage von zwei, drei Zentimetern, rund um die Himbeeren und Johannisbeeren und auf die Beete, in denen im Sommer Gemüse stand. Umgegraben wird nichts. Der Mist bleibt oben liegen, gemischt mit dem Stroh aus dem Stall und dem Laub, das ohnehin fällt. Das ist die Winterdecke, und das Bodenleben holt sich den Rest.
Was unter der Decke
passiert
Ab hier arbeiten andere. Regenwürmer ziehen das Material von oben in die Tiefe, Pilze und Bakterien zerlegen es, bei milden Temperaturen auch mitten im Winter. Frost lockert die oberste Schicht. Die Decke hält Feuchtigkeit, schützt vor Wind und bremst Starkregen, bevor er Boden wegtragen kann.
Ein Punkt verdient Sorgfalt, gerade auf Sand. Herbst und Winter sind die Zeit, in der Stickstoff am leichtesten mit dem Sickerwasser in die Tiefe wandert, weil wenig wächst und viel Wasser durch den Boden zieht. Deshalb bringen wir nur eine dünne Lage aus, mischen den Mist mit Stroh und Laub, halten die Beete bedeckt und geben das meiste dorthin, wo mehrjährige Sträucher auch im Herbst noch Wurzeln bilden. Untersuchungen des Sächsischen Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie zeigen, warum das wirkt: Bodenbedeckung und Stroh senken den auswaschungsgefährdeten Stickstoff vor dem Winter deutlich.
Ein Winter unter der Decke
Von Oktober bis April: was im Boden passiert und was wir im Garten tun.
Im Boden
Im Garten
Grundlage: LfULG Sachsen 2025 zu Stickstoff über Winter · Spätfrostdatum aus dem Jahresbericht 2025 der Finck Stiftung, Alt Madlitz.
So machen
wir es
Für alle, die es selbst ausprobieren wollen. Kein Rezept mit Grammangaben, sondern die Reihenfolge, die sich bei uns bewährt hat.
- Der richtige Zeitpunkt. Oktober bis Anfang November, nach der Ernte, solange der Boden offen und noch warm ist.
- Sammeln an den Kotplätzen. Alpakas legen ihren Mist an festen Stellen ab. Gabel, Schaufel, Schubkarre, Handschuhe, mehr braucht es nicht. Heu und Stroh dürfen mit.
- Dünn verteilen. Eine Lage von zwei bis drei Zentimetern genügt. Lieber jedes Jahr etwas als einmal sehr viel.
- Mit Kohlenstoff mischen. Stroh und Laub darüber oder darunter. Sie binden Stickstoff, füttern Pilze und schützen den Boden.
- Nicht umgraben. Der Mist bleibt oben. Regenwürmer und Bodenleben ziehen ihn selbst nach unten, ohne die Bodenstruktur zu zerstören.
- Gezielt geben. Vor allem um mehrjährige Sträucher wie Himbeeren und Johannisbeeren und auf Beete, die erst im Frühjahr wieder bepflanzt werden. Nicht direkt an junge Setzlinge.
- Bedeckt halten. Den ganzen Winter. Ein nackter Boden ist auf Sand ein verletzlicher Boden.
- Im Frühjahr hineinpflanzen. Was von der Decke übrig ist, bleibt als Mulch liegen. Gesät und gepflanzt wird direkt hinein.
Die Pflanzen
danken es
Permakultur ist ein großes Wort für eine einfache Idee: so zu gärtnern, dass ein Kreislauf entsteht, der sich selbst trägt. Die Alpakas fressen Gras, das ohne Dünger wächst. Ihr Mist nährt einen Boden, der Jahr für Jahr mehr Wasser hält und mehr Leben beherbergt. Daraus wächst Gemüse für den langen Tisch, und was übrig bleibt, wandert auf den Kompost und zurück in die Beete. Nichts verlässt das System, nichts muss hinzugekauft werden.
Ob das funktioniert, erzählt uns der Garten selbst. Im Frühjahr ist die Erde unter der Decke dunkel und krümelig, sie riecht nach Wald, und beim ersten Spatenstich kommen Regenwürmer zum Vorschein. Die Himbeeren treiben kräftig, die Beete sind bereit, bevor wir es sind. Und an einem grauen Sonntag im nächsten Oktober stehen wir wieder am Zaun, mit leeren Schubkarren und Alpakas, die ganz genau wissen, was jetzt kommt.